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Erfahrungsbericht Tauchen Kapverden

von Clemens Seidel, 09/2018

Von meinem kurzen Trip auf die Kapverden zurück in Deutschland, kommt mir das kapverdische Wort »Sodade« in den Sinn, das am ehesten als „Sehnsucht nach einem paradiesischen Land“ beschrieben werden kann, ein Gefühl, dass den Kap-Verdiern tief inne wohnt – und ich glaube, es ein wenig nachempfinden zu können. Denn, obschon die Menschen nicht viel besitzen, so haben sie doch einen Reichtum an Menschlichkeit und sprühen geradezu vor »Morabeza« = Lebensfreude. Auf den insgesamt 10 Inseln der Kapverden hat sich eine ganz eigene kreolische Kultur entwickelt und es sind vor allem die Begegnungen mit den Einheimischen, die mich besonders fasziniert haben - Meeresbewohner natürlich mit eingeschlossen : )

 

Tarrafal - Paradies für Andersreisende

Mein erstes Ziel ist der verschlafene Fischerort Tarrafal ganz im Norden der Insel Santiago. Die Menschen leben mehrheitlich vom Fischfang und der Landwirtschaft, vom Tourismus ist hier (noch) wenig zu sehen. Es gibt nur eine Handvoll kleiner Pensionen und Gästehäuser. Und das verwundert angesichts seines malerischen Sandstrandes, der vom 650 Meter hohen Monte Graciosa umrahmt, wie ein Rohdiamant da liegt.

Unweit davon befindet sich exklusiv in der King Bay Bucht das King Fisher Village, das mit seinen 16 Zimmern immer noch zu den größten Unterkünften gehört. Es herrscht eine friedvolle Stimmung - man hört Meeresrauschen, Kinder aus dem Ort springen vergnügt von den Felsen ins Wasser und ein sanfter Wind weht durch Palmen und die üppigen Bougainvillea-Sträucher.
Bei meiner Ankunft begrüßt mich die junge Resortmanagerin Salsa aus der Schweiz. Sie ist leidenschaftliche Surferin, die für den flotten Ritt auf der Welle hier ausgezeichnete Bedingungen vorfindet. Sie erklärt, dass mit dem King Fisher Village große Pläne geschmiedet werden. Die ersten Steine sind gelegt: Zum leckeren Frühstücksangebot mit hausgemachtem Brot, Marmeladen, Fruchtsäften und kapverdischen Spezialitäten, kredenzt in den Abendstunden der Schweizer Koch Flavio Menüs auf Feinschmecker-Niveau. Dazu werden schmackhafte Margarita-Cocktails oder Weine der Nachbarinsel Fogo serviert. In den Abendstunden kann man vom Restaurant aus bei guter Sicht Fogos mächtigen Vulkankegel sehen – inklusive herrlich kitschigem Sonnenuntergang!

Ab Mai 2019 wird das King Fisher Village für umfassende Renovierungen und Umbauten vorübergehend schließen und soll ab September 2019 wieder zur Verfügung zu stehen.
Das Divecenter Santiago bleibt geöffnet und verlegt den Betrieb in der benachbarten Santiago Lounge. In direkter Nachbarschaft befinden sich übrigens auch das Casa Strela & Villa Strela – zwei liebevoll gestaltetes Gästehäuser, die von Andreas (ebenso Schweizer) geführt werden.

Tauchen in Tarrafal mit dem Divecenter Santiago

Das Divecenter Santiago hat seinen Platz im King Fisher Village sicher. Es wird gemeinsam von Georg Bachschmid und dem einheimischen Emanuel D’Oliveira geleitet. Georg hat sein halbes Leben auf den Kapverden verbracht, aber sein Augsburger Dialekt hat all die Zeit unbeschadet überstanden. Er hätte den Fotoladen seines Vaters übernehmen können, stattdessen verschlug es ihn in die Ferne und er nahm die Kamera einfach mit auf den Meeresgrund. Er ist stolz auf seine Tauchbasis, denn kaum jemand auf den Kapverden kann ein Hausriff sein eigen nennen, das noch dazu so spannende Tauchgänge bietet. Hinzu kommen etwa 15 weitere Spots, die in wenigen Minuten mit dem Boot angefahren werden können. Zusammen mit Emanuel sind sie ein starkes Team – denn Emanuel ist bekannt wie ein bunter Hund und ein gefragter Mann, sei es von der Regierung oder bei der Ausrichtung des Wassersports. Er veröffentlichte auch einen stattlichen Meeres- und Fischführer speziell zu den Kapverden.

 

Georg und ich steigen mit 3mm Suite den Leitereinstieg zum Hausriff hinab – 3mm im Atlantik?! Genau, durch die relative Nähe zum Äquator kommt hier ein besonderer Meeresmix zusammen und jetzt im September liegen die Wassertemperaturen meist um wohlige 26 Grad.

Nach einer anfänglichen Sandebene gleiten wir tiefer entlang der senkrechten Felswände hinab. Im Verlauf treten riesenhafte Canyons, Felstürme ins Blickfeld und es öffnen sich gewaltige Überhänge, deren Decken dicht mit gelbleuchtenden Kelchkorallen überwuchert sind. Dazu Peitschenkorallen, rote und auch gelbe Gorgonien und dichte Büsche schwarzer Korallen. Es gibt verschiedene Algen und Schwämme, in denen sich mit etwas Glück Anglerfische oder auch Seepferdchen gut getarnt versteckt halten. Unzählige Seegurken und Meeresschnecken, wie die violette Fadenschnecke und weitere schöne Vertreter ziehen gemächlich ihre Bahn. Bemerkenswert ist die Anzahl an Trompetenfischen, die immerhin bis zu 1 Meter lang werden. Georg zeigt mir Kraken, die sich streicheln lassen und es sichtlich genießen. Es gibt Muränen, Papageienfische, Feilenfische und große Schwärme roter Soldatenfischen, Doktorfische, Gelbstreifen und Grunzer. An manchen Stellen wie bei »The Arch« - ein riesiger Torbogen - mischt sich alles auf einmal und es herrscht ein unglaubliches Gedränge!

Ausflüge durchs Morabeza-Land

Santiago lässt sich auf vielfältige Weise entdecken, ob beim Wandern, Mountainbiken oder mit dem Mietwagen. Tolle Eindrücke erhält man durch eine geführte Tour rund um die Insel:
Begleitet von quirligen Reggae-Rhythmen aus dem Radio fuhr ich mit dem einheimischen Guide Adi über hochgelegene Bergpässe des Serra Malagueta Nationalparks. Mit jeder Kurve eröffnet sich uns ein immer neuer, grandioser Ausblick auf die mächtigen, bis 1000 Meter hohen Bergfelsen. Selbst in diesen schwindelerregenden Höhen bearbeiten die Bauern den fruchtbaren Boden für den Anbau von Mais, Bohnen und Zuckerrohr.

Einfach alles scheint auf den Beinen zu sein: Hunde, Ziegen und Kühe laufen über die Straßen, Frauen balancieren ganze Wannen voller Früchte auf dem Kopf und viele Familien sitzen vor ihren einfachen Hütten gemütlich beisammen.
Wir machen halt an Märkten voller Farben und Gerüche: Berge an Früchten, Gemüse, ganze Hühner, Schweine und fangfrischer Fisch werden lauthals gefeilscht. Schuhe, Kleider und afrikanische Stoffe in den wildesten Farbmustern - hier findet man alles, was man für das tägliche Leben braucht. Große Supermärkte sind auf den Kapverden selten. Selbst Mechaniker und Elektroniker bieten ihre Dienste an und bringen trickreich einfach alles wieder zum Laufen.
Es gibt bedeutsame Stätten der Geschichte zu besichtigen, wie der Ort Cidade Velha. Um 1460 setzten hier die Portugiesen als erste ihren Fuß auf die bis dahin unbewohnten Inseln und errichteten im weiteren Verlauf den Sklavenhandel der Neuzeit. Menschen unterschiedlichster Herkunft wurden in alle Teile der Welt zerstreut und begründeten die heutige kreolische Kultur. Der Sklavenpranger auf dem Dorfplatz und viele Bauten wie das Fort Real de São Filipe sind Zeitzeugen dieser finsteren Epoche.
Und dennoch, das noch recht junge Volk der Kapverdier ist heute stolz auf seine wechselvolle Vergangenheit und seiner eigenständigen Identität.

Sal: Sand, Salz und Sonne

Der zweite Teil meiner Reise führte mich auf die nördliche Kapverden Insel Sal. Die Insel ist der komplette Gegensatz zu Santiago – sie ist flach, sandig und zählt zu den trockensten Gebieten der Erde. Dafür verfügt sie über die schönsten Strände des Landes - die ideale Grundlage für einen Badeurlaub. Entlang des kilometerlangen Sandstrandes von Santa Maria reiht sich ein Hotel ans andere. Als Top Adresse gilt das Morabeza Hotel: Eines der ersten Hotels auf den Kapverden überhaupt, ganz im eleganten Kolonialstil. Sowie weitere Hotels wie das Dunas Del Sal und das Budha Beach Hotel – beide bieten eine gute, einfache Ausstattung zum fairen Preis. Von allen Hotels wird ein Abholtransfer durch die Tauchbasis der Eco Dive School Cabo Verde angeboten. Ich habe mich ins Budha Beach Hotel einquartiert, welches etwas abseits und damit ruhig vom Hauptort Santa Maria liegt. Zu Fuß erreicht man die Tauchbasis in einem gemütlichen Spaziergang von 5 - 10 Minuten entlang des Strandes.

Vor allem Relaxen und Wassersport wie Tauchen und Surfen gehören zu den Lieblingsbeschäftigungen. Dennoch lohnt sich für einen Tag einen Mietwagen zu nehmen und die wenigen „Sehenswürdigkeiten“ der Insel zu erkunden. Ich mietete mir ein geländefähigen Pick-Up und rauschte damit querfeld ein über die weiten Ebenen. Mein Ziel war Buracona – eine Meeresgrotte, die nach oben eine Öffnung aufweist und durch das einfallende Sonnenlicht leuchtet das Wasser in einem magischen Blau.
Anschließend ging es zur Salzbaustätte „Las Salinas“, die um 1838 der Insel letztlich ihren Namen Sal (also = Salz) verlieh. Hier wird in den Salinen inmitten des Vulkankraters von Pedra de Lume auch heute noch Salz gewonnen und man kann sogar darin baden wie im Toten Meer, ohne dabei gänzlich unterzutauchen.
Etwa 20 Autominuten davon befindet sich Shark Bay: Im knietiefen Wasser huschen junge Zitronenhaie über das Riffdach und entlang der vorgelagerten Kante lassen sich sogar ausgewachsene Tiere von mehr als 3 Metern Länge beobachten.
Als ich aus dem Auto stieg, lief Melissa, ein hochgewachsener Mann in Frauenkleidern auf mich zu und bot sich als Guide an. Da ich mir Badeschuhe bei ihm ausleihen konnte, dachte ich mir warum nicht. Und so liefen wir gemeinsam bis zur Kante, von wo aus man die Tiere beobachten kann. Besonders viel sah ich von den großen Exemplaren nicht - zumindest mehrere Rückenflossen konnte ich ausfindig machen, aber es hat trotzdem viel Spaß gemacht.

Eco Diving mit der Schildkröten-Flüsterin

Die Eco Diving School Cabo Verde ist eine gemütliche Taucherhütte direkt auf dem Strand von Santa Maria und liebevoll im rustikalen Beachlook gestaltet. Große Kabeltrommeln dienen als Tisch oder auch als Hängevorrichtung für die Jackets. Es gibt Sonnenliegen und direkt nebenan befindet sich eine Beachbar. Die Ausrüstungen und das ganze Team machen einen bestens organisierten Eindruck. Die aufgeweckte Basenleiterin Sandra aus Berlin hat es durch ihr Studium der Meeresbiologie auf Sal verschlagen. Ihre Abschlussarbeit hatte die hiesige Karrett-Meeresschildkröte zum Thema und seither steht sie der Unterwasserwelt von Sal treu zur Seite.
Daher war meine Freude umso größer mit ihr auf eine nächtliche Schildkrötenwanderung (Turtle Walk) zu gehen, um die Tiere bei der Eiablage zu beobachten. Und das ist einfach eine schöne Erfahrung: Mitten in der Nacht bei Mondschein und unter klarem Sternenhimmel am verlassenen Strand zu sein, während Sandra viele wissenswerte Details zu den Schildkröten erklärt. Dabei kriechen ca. 1 Meter große Tiere an uns vorbei auf der Suche nach einer geeigneten Eiablagestelle und ich fühle mich plötzlich wie in Jurassic Park : ) Wir flüstern dabei ganz leise, um die Tiere keinesfalls zu erschrecken, denn sonst machen sie einfach kehrt und flüchten unverrichteter Dinge zurück ins Meer.
Schildkröten haben es schwer: Von 1.000 Eiern schafft es nur eine Schildkröte bis zur Geschlechtsreife, die bei unglaublichen 25 Jahren liegt! Wilderei, Verschmutzung und Zerstörung des Lebensraums bedrohen die Tiere zusätzlich.
Die sogenannten Turtle Walks, sagt mir Sandra, sind bislang das beste Mittel zum Schutz der Schildkröten, das zu einem besseren Umweltverständnis bei Besuchern und in der Bevölkerung beiträgt. Die Einnahmen unterstützen Projekte wie das Project Biodiversity. Man kann gegen einen frei wählbaren Spendenbeitrag sogar eine Schildkröte adoptieren. Angesichts dieser niedlichen Babyschildkröten konnte ich mich natürlich nicht erwehren, auch eine zu adoptieren und durfte ihr auch einen Namen geben. Sie oder er heißt (wie kann es auch anders sein) Sam und ich erhalte jetzt regelmäßig eine Email über den Zustand der Schildkröten – eine großartige Idee, die wunderbar funktioniert!

 

Tauchen auf Sal

Rundum Sal sind aktuell 26 Tauchplätze erfasst. Davon eine Vielzahl vor Santa Maria, die mit dem Zodiac angesteuert werden. Die entlegenen Tauchplätze im Nordwesten bei der Grotte Buracona werden über Landeinstieg betaucht. Morgens geht es dabei auf einem Doppeltauchgang mit Oberflächenpause und nach Vereinbarung auf einen weiteren Einzeltauchgang am Nachmittag. Es liegen einige Wracks auf moderaten Tauchtiefen zwischen 10 bis 25 Metern auf dem Grund und es gibt viele Basaltriffe inmitten der Sandebenen. Grundsätzlich begegnete ich einer ähnlichen Meeresvielfalt wie auf Santiago, so sind auch hier die Wrackaufbauten und Überhänge von einer dichten Decke der gelbleuchtenden Kelchkorallen überzogen. An den geschützten Stellen sammeln sich massenhaft Fische aus Soldaten-, Drücker- oder Doktorfische. In den Spalten lauern Spinnenkrebse, Lobster und Bärenkrebse. Muränen gab es auf einem einzigen Tauchgang gleich in den unterschiedlichsten Farben und Größen.
Auch größere Kaliber sind möglich. So rudern häufig Schildkröten durch das Gewässer, die besonders in den Sommermonaten die Strände nach geeigneten Nistplätzen absuchen. Ich beobachtete Makrelen und Schwärme dickbäuchiger Tunfische durch die Strömung jagen. Beeindruckt hat mich auch eine Begegnung mit einem ganzen Schwarm der friedlich lächelnden Igelfische, die ich bislang nur vereinzelt gesehen habe. Und das ist längst noch nicht alles - hätte ich noch etwas mehr Zeit mitgebracht, dann wäre ich sicher zu den Spots wie Buracona und Dos Oljohs abgestiegen, berühmt für ihr Höhlengewirr und fantastisches Lichtspiel.

 

Fazit: Mein Kurztrip von nur einer Woche war natürlich etwas anstrengend. Die Kombination aber aus diesen beiden, sehr unterschiedlichen Inseln, kann ich nur empfehlen, allerdings ist ein Aufenthalt von einer Woche pro Insel optimal. Auf den Kapverden kommt ein eigenwilliger Mix zum Tragen: Es ist teils wie in der Karibik, dazu der europäische Einfluss und das alles zusammen wie im tiefsten Afrika. Die Insel Santiago erschließt sich alljenen, die das Authentische fernab des Massentourismus suchen. Auf Sal dagegen fand ich die idealen Zutaten für einen erholsamen Tauchurlaub am Strand.
Die Unterwasserwelt der beiden Inseln hat mir Eindrücke geboten, die mich völlig überrascht haben. Typisch für den Atlantik, existiert hier ein enormer Fischreichtum, der garniert mit sattem Bewuchs und vielen tropischen Arten, jeden Tauchgang einzigartig macht.

Einen kleinen Eindruck bietet hierzu auch mein Video:


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